Hypothek amortisieren ja oder nein?

Nehmen wir als Fallbeispiel Hugo und Vera Marti (Namen geändert): Seit Jahren sind sie Eigentümer eines hübschen Einfamilienhauses, das sie tadellos und mit viel eigenem Einsatz unterhalten. Jedes Jahr haben sie diszipliniert und exakt wie es die Bank verlangt hat, einige Tausend Franken von ihrer Hypothek zurückbezahlt. Aufgrund des guten Einkommens von Hugo Marti und einiger Ersparnisse hätten sie spielend noch mehr von der Hypothek amortisieren können. Die Bank riet «aus steuerlichen Gründen» davon ab und empfahl dem Ehepaar, die freien Mittel stattdessen in Anlagefonds der Bank zu investieren.

Jürg Zulliger

Die Rechnung mit Minizinsen

«So richtig rentiert hat dies allerdings bis heute nicht», wundert sich Hugo Marti. Nun stehen sie erneut vor der Frage: Sollen sie ihr Geld anlegen oder doch besser Schulden abbauen? Diese Grundsatzfrage ist umso aktueller, als die Zinsen und Renditen von Geldanlagen gegen Null tendieren. In Zeiten von «Minizinsen» wie heute erhalten sie auf einem Sparkonto vielleicht noch 0,3 oder 0,4 Prozent Zins, auch Obligationen oder Festgelder bringen ihnen kaum noch Zinsen ein.
Die gestellte Frage kann man nun vor allem anlagetechnisch beantworten: Der Bankkunde muss sich überlegen, ob er mit seinem Geld höhere Erträge erzielen kann, als er auf der anderen Seite Zinsen für die Hypothek aufbringen muss. Bei Hypotheken ist zu bedenken, dass Sie die Schuldzinsen vom steuerbaren Einkommen abziehen können. Je nach Einkommen und Steuerprogression bzw. Grenzsteuersatz kostet Sie eine Hypothek mit 1,3 Prozent Jahreszins nach Steuern vielleicht nur 1 Prozent Zins. Auf der anderen Seite sind auch die steuerlichen Folgen bei Geldanlagen zu berücksichtigen.
Im jetzigen Umfeld ist es schwierig geworden, mit Geldanlagen ausreichende Erträge zu erzielen. Wenn die Gewinne aus Kapitalanlagen höher liegen sollen als die Zinsen einer Hypothek, müsste man das Geld an der Börse – sprich in Aktien – investieren. Als Bankkunde müssen Sie sich dabei überlegen, ob das wirklich Ihrem Typ und Ihrer Risikobereitschaft entspricht. So wäre es eigentlich paradox, wenn zum Beispiel bei der Hypothek jemand sicherheitsorientiert handelt und seinen Kredit über langjährige Festhypotheken abdeckt, während er andererseits mit Aktieninvestments hohe Risiken eingeht.

Indirekte Amortisation

Unter Bankfachleuten und Finanzexperten sind die Meinungen geteilt. Unabhängige Experten vertreten die Auffassung, dass sich das Sparen in der Säule 3a lohnen kann – wenn der Kunde also nur die minimal vorgeschriebenen Amortisationen tätigt und den Rest an flüssigem Geld jährlich in die Säule 3a einzahlt. Bei der Säule 3a handelt es sich um gebundene Mittel der Vorsorge. Was Sie auf dieses Konto einzahlen, bringt Ihnen vergleichsweise attraktive Zinsen – wesentlich mehr als auf Sparkonti – während Sie zugleich jährlich bis 6768 Franken an Einlagen vom steuerbaren Einkommen abziehen können. Die entsprechenden Maximalbeträge sind für selbständig Erwerbende und Angestellte ungleich hoch und werden in der Regel alle zwei Jahre neu festgesetzt.
In vielen Fällen kann es also sinnvoll sein, den Weg der so genannten indirekten Amortisation zu wählen: Die für die Amortisation vorgesehenen Beträge zahlen Sie in die Säule 3a ein, profitieren vom Steuervorteil und dem vergleichsweise guten Zins. Die Gelder werden der Bank zugleich als Sicherheit verpfändet und spätestens bei der Pensionierung zur Rückzahlung der Hypothekarschuld eingesetzt.

Die richtige Höhe der Hypothek

Bei der Grundsatzfrage «Schulden abbauen oder Geld anlegen» sind allerdings in jedem Einzelfall noch einige weitere Überlegungen anzustellen. Erstens: Bei welchem Grad an Verschuldung fühlen Sie sich «wohl»? Amortisationen sind ein wichtiges Mittel, um sich vor den möglichen Folgen einer Immobilienkrise zu schützen. Nehmen wir an, ein Haus ist zu 80 Prozent oder noch mehr mit Hypotheken belehnt. Verliert das Objekt in einer Krise an Wert, müssen Sie zusätzliche Mittel nachschiessen, um der Zwangsverwertung der Liegenschaft zu entgehen. Um auf der sicheren Seite zu sein, ist ein Abbau von Schulden bis zu einem gewissen Grad also sehr wichtig.
Ein zweiter Punkt muss je nach Alter und Lebensumständen individuell beantwortet werden: Wenn Sie zügig Hypotheken amortisieren, könnte sich dies eines Tages als Bumerang erweisen. Bankkunden im Alter 60+ bewilligen die Banken heute meist keine Hypothekenaufstockungen mehr. Sie begründen dies mit der ungenügenden finanziellen Tragbarkeit im Alter (zu tiefe Renteneinnahmen im Verhältnis zu den Kosten einer Immobilie). Bei der Planung Ihrer Hypothek und Ihren Finanzen ist also darauf zu achten, dass im Alter keine Liquiditätsengpässe entstehen. Gut geplant, werden Sie das Wohnen in den eigenen vier Wänden in jeder Phase geniessen können.