Was bestimmt die Zinsentwicklung?

Das Zinsniveau ist in der Wirtschaft das Mass für viele Dinge: Es bestimmt zum Beispiel, wie viel Sie Ihrer Bank für die Hypothek zahlen müssen. Extrem tiefe Zinsen sind zwar unerfreulich für Sparer. Kreditnehmer und Hypothekarkunden profitieren aber massiv. Wir zeigen Ihnen, welche Faktoren das Zinsniveau bestimmen.

Jürg Zulliger

Die Zinsen bewegen sich quasi im Rückwärtsgang. Wer grosse Beträge auf einem Bankkonto liegen lässt, wird heute mit negativen Zinsen bestraft. Was bedeutet das konkret? Sie leihen einem Freund 1000 Franken, bekommen dann aber nur 990 oder 980 Franken zurück!

Dabei müsste es nach gesundem Menschenverstand eben gerade umgekehrt sein: Wer jemandem zum Beispiel einige Zehntausend Franken für eine clevere Business-Idee ausleiht, will das Geld später mit Zins und Zinseszins zurück. Das ist quasi das Entgelt dafür, überhaupt Geld zur Verfügung zu stellen. Geld ausleihen stellt ja immer ein Risiko dar. Der Geldgeber kann nie ganz sicher sein, dass er die Forderung zurückerhält.

Wer oder was steuert die Zinsen?

In den meisten Lehrbüchern ist nachzulesen, dass vor allem die Inflation und die Wirtschaftsentwicklung die Zinsen bestimmen. Zuerst zur Inflation: Steigen die Preise für Güter (Geldentwertung, d.h. Inflation), so steigen die Zinsen. Das gilt vor allem bei langen Laufzeiten von Krediten. Denn der Darlehensgeber will ja, dass das ausgeliehene Geld am Schluss immer noch gleich viel wert ist wie zu Beginn. Zweiter Punkt: die Wirtschaftsentwicklung. Läuft es in der Wirtschaft schlecht, sinkt die Nachfrage nach Krediten. Meist fällt dann auch die Inflationsrate; und beides führt tendenziell zu tieferen Zinsen.

Brummt aber der Wirtschaftsmotor und verzeichnet man hohe Inflationsraten, ruft dies in der Regel die Notenbanken auf den Plan. In der Schweiz gilt der stabile Wert des Frankens als oberste Priorität der Schweizerischen Nationalbank (SNB) – sie will Geldentwertung vermeiden. Früher hat die SNB die Zinsen öfters massiv erhöht, um einer Überhitzung der Wirtschaft und des Immobilienmarktes sowie steigender Inflation vorzubeugen – 1990 kletterten die Leitzinsen der SNB auf über 10 Prozent!

Goldene Zeiten für Immobilienbesitz

Doch was können wir aktuell von den Zinsen erwarten? Es scheint fast, als ob plötzlich andere Naturgesetze gelten würden. Haus- und Wohnungseigentümer haben die besten Aussichten, auch weiter glücklich zu wirtschaften und von anhaltend tiefen Zinsen zu profitieren. Wie oft hörten wir den Satz: „Die Zinsen sind auf einem historischen Tiefstand, sie können gar nicht weiter sinken…“. Dennoch sind wichtige Kennzahlen bei den Zinsen für Bundesobligationen oder den offiziellen Zinsen auf dem Kapitalmarkt sogar noch einmal nach unten gerutscht.

Viele Festhypotheken – auch solche mit längeren Laufzeiten von zum Beispiel fünf oder zehn Jahren – fielen in diesem Umfeld unter die magische Grenze von einem Prozent. Eine Hypothek über eine Million Franken kostet also nur gerade 10’000 Franken Zins pro Jahr! Kein Wunder führen viele Leute aktuell wieder die Lösung „kaufen statt mieten“ ins Feld. Der Besitz eines Eigenheims kommt bei derart günstigen Hypotheken oftmals günstiger als die Miete einer vergleichbaren Wohnung. Voraussetzung ist allerdings, dass man als Kreditnehmer die strenge Prüfung der Banken besteht (finanzielle Tragbarkeit, Kreditwürdigkeit, Bewertung des Objekts etc.).

Die Zinsen in vier oder fünf Jahren

Im heutigen Umfeld kommt den Notenbanken eine Schlüsselrolle für die historisch ungewöhnliche Zinssituation zu. In fast allen westlichen Volkswirtschaften halten sie die Leitzinsen extrem tief und haben die Geldmenge im ganzen Wirtschaftskreislauf erhöht. Der Umlauf an Bargeld, Spargeldern und liquiden Mitteln in der Schweiz war noch nie so hoch wie heute.

Dabei geht es unter anderem darum, mit viel billigem Geld die Wirtschaft und die Staatshaushalte zu stabilisieren. Es ist auch sonst unglaublich viel Kapital im Umlauf – von reichen Privaten, besonders aber auch von Versicherungen und Pensionskassen. All dies hat zur Folge, dass Geld eben „billig“ und reichlich verfügbar ist. Die Zinsen werden aller Voraussicht nach noch einige Zeit tief bleiben.

Hypothekarzinsen: Checkliste für die Praxis

Mit welchem Zins Sie als Hypothekar- bzw. Bankkunde rechnen müssen, hängt in der Praxis aber noch von weiteren Faktoren ab:

  • Die Laufzeit der Hypothek: Wenn Ihnen die Bank einen Kredit auf viele Jahre hinaus heute zinsgünstig gewährt, muss sie das Risiko später steigender Zinsen intern absichern. Das hat seinen Preis. Langfristige Festhypotheken sind daher normalerweise teurer als kurzfristige. Zugleich sind Sie als Kunde an eine lange Vertragsdauer gebunden.
  • Risiko und Bonität: Jede Bank bewertet die Kredite nach Risiken und Ausfallwahrscheinlichkeiten. Häuser an sehr guten Lagen, Darlehensnehmer mit solidem Einkommen und finanziellen Reserven stellen ein tieferes Risiko dar. Auch ein tieferer Verschuldungsgrad (tiefe Belehnung) ist ein triftiges Argument, damit Sie ein besseres Zinsangebot bekommen. Umgekehrt gilt natürlich: Ist die finanzielle Tragbarkeit nur knapp ausgewiesen, wird das Objekt durch die Bank nicht allzu rosig eingestuft etc., verlangt die Bank mehr Zins.
  • Strategie und Geschäftsmodell der Bank: Jede Bank und auch jede Versicherung oder andere denkbare Finanzierungspartner „ticken“ etwas anders. Auch die Herkunft der Mittel, das Geschäftsmodell etc. sind nicht immer genau gleich. Manche Player im Kreditgeschäft wollen wachsen, andere wollen ihre Positionen eher abbauen. Schlussfolgerung: Vergleichen Sie die Offerten und Zinsangebote mehrerer Anbieter. In der Regel werden Sie überrascht sein, wie gross die Zinsdifferenzen für an sich identische Kredite ausfallen.
  • Vertriebsweg: Wer als Kunde einen Online-Kanal wählt, profitiert in der Regel von besseren Konditionen, weil die ganze Abwicklung und das Handling der Dossiers für die Bank vereinfacht werden. Vor allem die Ablösung bestehender Hypotheken ist auf diesem Kanal oft einfach und zu optimalen Zinskonditionen möglich.